Englisches Intermezzo – Teil 2

„Penny? Penny? Penny!“

Ich stand grübelnd über eine dicke Baumwurzel gebeugt und versuchte zu entscheiden, ob ich sie in Ruhe lassen oder heraushacken sollte. Anne-Maries Anweisung war eigentlich deutlich gewesen: ein Loch graben. Über die Wurzeln hatte sie nichts gesagt. Würde ich den Baum zum Sterben verurteilen, wenn ich sein Fußwerk beschädigte? Gandhi, mein Bretonen-Rüde buddelte natürlich darum herum und hatte Spaß. Das konnte ich von mir nicht behaupten, aber ich hatte es versprochen. Seit Stunden stand ich im Nieselregen und wurde immer nasser und immer schmutziger.

„Penny! Warum reagierst du nicht?“

Erschrocken richtete ich mich auf, als Anne-Marie mir ins Ohr brüllte.

„Ich dachte, du redest mit jemand anderem.“

„Mit wem? Außer dir und mir ist niemand hier!“

„Aber keiner nennt mich Penny.“

„So? Komisch.“ Anne-Marie wischte sich verständnislos die triefenden Haare aus dem Gesicht und einen Schlammstreifen auf die Stirn. Ich trug wenigstens eine Regenjacke mit Kapuze, sie nur eine alte Strickjacke, die inzwischen an ihr hing wie ein ausgeleierter nasser Sack. Sie würde sich vermutlich so sehr erkälten, dass wir am nächsten Tag nicht mehr herkommen mussten. Das hoffte ich und fühlte mich gleichzeitig schuldig, weil ich ihr eine Krankheit an den Hals wünschte.

„Was gibt es?“

Anne-Marie betrachtete vorwurfsvoll die kleine Grube, die ich bisher aus dem schweren und harten Erdboden gemeißelt hatte. Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, dass es so mühsam sein konnte, ein Loch auszuheben. Ich musste abwechselnd hacken und mit dem Spaten schaben, dazwischen robbte ich auf allen Vieren am Rand entlang und schnitt mit einer stumpfen Schere unzählige Wurzelchen ab. „Du musst schneller arbeiten, sonst wird das bis übermorgen nicht fertig.“

Mein schlechtes Gewissen beruhigte sich halbwegs. Anne-Marie entpuppte sich immer mehr als erbarmungslose Sklaventreiberin. „Das geht wirklich schwer. Ich tue, was ich kann, aber mehr habe ich in den zwei Stunden nicht geschafft. Und allmählich werden meine Arme und mein Rücken lahm; lange kann ich hier nicht mehr weiterarbeiten.“ Sie musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen und leerem Blick – irgendwie sehr englisch. „Kannst du nicht noch ein paar Leute organisieren, die uns helfen?“

Sie schnaubte. „Hab ich versucht. Du kannst ja noch mal mit Estelle reden. Sie sitzt drinnen, trinkt Tee und schaut uns zu.“

Als wir am Morgen um acht Uhr bei Estelle auftauchten, erwartete diese uns bereits. Sie marschierte mit uns durch den weitläufigen Garten, erklärte, was sie sich vorstellte und beantwortete Anne-Maries Fragen. Die beiden hatten ziemlich unterschiedliche Vorstellungen und obwohl Estelle versichert hatte, dass ihr egal sei, was wir machten, solange überhaupt etwas geschah, schien sie jetzt ihren Kopf durchsetzen zu wollen. Ich hörte nicht zu, da ich mich nur als ausführende Kraft sah, doch ich ahnte, dass Anne-Marie am Ende nur zustimmte, um Estelle endlich loszuwerden. Immerhin wollte Estelle uns mit Nahrungsmitteln versorgen. Um neun Uhr begannen Anne-Marie und ich unser Werk in einer überwachsenen Ecke des Gartens. Um elf unterbrachen wir die Arbeit für Tee und ein Sandwich. Inzwischen war es fast halb eins und ich sehnte mich nach der Mittagspause und etwas Reichhaltigerem zu essen.

Anne-Marie bestimmte mich dazu, einen Teich auszuheben, während sie selbst sich mit dem Wildwuchs beschäftigte. Sie hatte bereits einen mannshohen Berg an Gestrüpp, Brennnesseln und Brombeeren aufgehäuft. Ab und zu hörte ich sie spitze Schreie ausstoßen, wenn sie auf eine Maus, eine große Spinne oder eine Schlange stieß. Sie wirkte tatsächlich nicht wie ein Kind vom Land. Womöglich lag Lydia richtig mit ihrer Vermutung, dass die Gärtnerei nichts für Anne-Marie war. Aber das musste sie selbst herausfinden; ich schwieg die meiste Zeit und widmete mich meiner Aufgabe. So eine Hacke war sehr schwer und meine Armmuskeln wollten nicht mehr tun, was ich verlangte; mein Rücken schmerzte. Wie sollte ich nur am Nachmittag noch ein paar Stunden durchhalten? Es schien mir unmöglich. Ich sah mich bereits im nassen Gras liegen, das mich um einen Meter überragte, unfähig, mich zu rühren, sodass mich keiner finden würde, falls man mich vermisste. Zu allem Überfluss war meine Jacke grasgrün.

Mit einem Seufzer nahm ich die Hacke zur Hand. Wenigstens die dicke Wurzel würde ich noch bezwingen, und wenn es das Letzte war, was ich an diesem Tag tat. Es sollte niemand sagen können, dass ich nicht alles gegeben hatte. Anne-Marie zog mit hängenden Schultern von dannen.

Mit einer schweren Hacke, die man möglichst hoch in die Luft stemmt, um dann mit aller Kraft einen bestimmten Punkt im Boden zu treffen, ist es eine Herausforderung, die richtige Stelle zu erwischen, noch dazu, wenn man vor lauter Überanstrengung nur noch Pudding in den Armen hat. Das spitze Ende landete knapp neben der Baumwurzel mit einem knirschenden Geräusch im Erdreich. Aha, hier schien es endlich leichter zu gehen. Ich wechselte zum Spaten, um die Wurzel noch weiter freizulegen. Vielleicht konnte ich sie dann mit der Astschere kappen oder absägen. Frisch motiviert stemmte ich mein Gewicht auf das Spatenblatt und trieb es mit dem Fuß in die Erde, lockerte eine Fuhre und holte sie heraus. Aus dem Augenwinkel sah ich etwas Helles auf den Hügel kullern, auf den ich den Aushub schichtete. Neugierig sah ich genauer hin. Mir stockte der Atem.

Estelle und Anne-Marie beugten sich neben mir über das Loch im Boden. Ich hatte mit einer Handschaufel vorsichtig Teile meines Fundes freigelegt. Estelle hielt ihren Regenschirm darüber. „Na so etwas“, meinte sie verdutzt. „Könnte das nicht ein Hund sein? Oder eine Katze?“

„Auf keinen Fall“, widersprach ich bestimmt. „Dieser Schädel gehört zu einem Menschen.“ Und daran gab es keinen Zweifel.

„Vielleicht einer dieser frühzeitlichen Typen? Am Ende haben wir eine archäologische Entdeckung gemacht.“ Anne-Marie klang hoffnungsvoll.

„Vielleicht.“ Ich zögerte. „Ich denke allerdings, dieses Skelett ist noch nicht ganz so alt. Die Wurzel des Baumes ist hineingewachsen, das heißt, dieser Mensch wurde hier begraben, als der Baum noch nicht stand oder noch ganz klein war. Wie alt mag er sein? Vielleicht fünfzig Jahre?“

„Das ist eine Buche“, bemerkte Estelle.

„Okay“, murmelte Anne-Marie.

„Hey, Leute“, rief Amanda, die sich uns näherte. „Ich wollte mal nachsehen, was ihr hier so treibt.“ Sie stellte sich zu uns. „Was gibt’s zu sehen?“

„Knochen“, erwiderte ihre Schwester.

Amanda warf einen Blick auf den Schädel und fiel in Ohnmacht.

Es knackte eine Weile, piepte, dann erhielt ich die Mitteilung, dass der gewünschte Teilnehmer nicht zu erreichen sei. Vielleicht war es besser so. Peter war bei der Arbeit und ich wusste, dass er und seine Kollegen und Kolleginnen eine Serie von Raubmorden aufzuklären hatten. Da war ein neuer Leichenfund seiner Frau eher nebensächlich. Er würde noch früh genug davon erfahren. Ich steckte das Handy wieder ein.

Anne-Marie tätschelte Amandas Hände und Wangen, bis diese wieder ganz bei sich war; Gandhi schleckte ihr derweil über die Nase. Estelle telefonierte mit der Polizei und erklärte, dass wir bei der Gartenarbeit ein paar Knochen gefunden hatten und dass es sich ganz sicher um kein Tier handelte. Ihren Schirm hatte sie über das Skelett gelegt, um es vor Regen zu schützen. Ob das sinnvoll war, wusste ich nicht, und es war mir auch egal. Ich fühlte mich sehr unwohl bei der Vorstellung, wie ich meinem Mann von dieser Sache berichtete. Vermutlich würde er sogar durch die Polizei davon erfahren, ehe ich eine Chance hatte, es ihm schonend beizubringen. Natürlich war er verständnisvoll, aber er hoffte auch stets, dass ich keine Leichen mehr finden würde. Nun ja, morgen konnte er damit wieder von vorn anfangen.

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