Englisches Intermezzo – Teil 1

Gedanklich bin ich schon eine Weile bei diesem Projekt – einem neuen Fall für Penelope Plank – doch ich musste erst noch einen Liebesroman beenden. Das ist nun also erledigt und eigentlich könnte es losgehen – aber halt, jetzt kommt erst noch was anderes: ein englisches Intermezzo. Bekannermaßen begab sich Penelope mit ihrem Mann Peter nach Buch 5 (Mörderisch glänzet der Wald) für zwei Jahre nach Birmingham. Buch 6 (der Kurzkrimi Zwischen den Seiten lauert der Tod) fand während dieser Auszeit während eines Urlaubs im heimatlichen Schönberg statt. Buch 7 beginnt erst, als sie wieder zurück in Deutschland sind. Da fehlte mir etwas und da Großbritannien derzeit sowieso in aller Munde ist, will ich ein englisches Intermezzo einschieben. Zeitpunkt: nach Penelopes Heimaturlaub in Buch 6 und noch vor ihrer endgültigen Rückkehr nach Schönberg. Seid gespannt! Und Achtung: Den unvermeidbaren Leichenfund gibt es in Kapitel 2. 😉

Vier Frauen und eine Leiche

Englisches Intermezzo

Eine Kakophonie aus Blumen und Blüten drohte, mich zu ersticken. Ich saß auf einem geblümten Sessel, zu meiner Linken standen weitere geblümte Sitzmöbel, die Wände verbargen sich ringsum unter einer grellen Blütentapete und in den Händen hielt ich eine Tasse mit Rosendekor, darin befand sich ein ungewohnt blumig schmeckender Tee. Der Teppich immerhin bedeckte den gesamten Fußboden des Wohnzimmers mit einem einheitlichen Rosa, doch darauf lag – das konnte kaum mehr überraschen – ein leicht abgetretener Läufer mit violetten Blumen, die in Rauten angeordnet waren. Wenigstens hatte niemand eine blühende Zimmerpflanze aufgestellt.

Es herrschte Krisenstimmung im Hause Wilson. Lydia hatte den Familienrat einberufen, doch seltsamerweise bestand unsere Runde nur aus Frauen. Mein Mann Peter musste arbeiten und hatte mich zu seiner Vertretung ernannt; Amanda und Estelle, Peters Halbschwestern, erklärten etwas Ähnliches zu ihren abwesenden Gatten, und Paul, Peters Vater, war direkt nach unser aller Ankunft im Garten verschwunden und seither nicht wieder aufgetaucht. Ich vermutete, dass er sich in einen Pub geflüchtet hatte, denn der Garten besaß einen Hinterausgang.  Drei kleine Kinder rannten zwischen uns herum oder krochen über den Boden – Catherine, Mandys dreijährige Älteste, und Colleen, die einjährige Schwester, außerdem Lilly, die Tochter von Estelle, die fast zwei Jahre alt war.

In dem Sessel neben mir lehnte reglos Ann-Marie, die zwanzigjährige Nichte Lydias, die seit einigen Monaten bei Paul und Lydia wohnte, hauptsächlich, um in Birmingham zu jobben, zu feiern und Klarheit über ihre Zukunft zu gewinnen, was offensichtlich im heimischen Dörfchen im südlichen Yorkshire nicht möglich war. Bisher hatte ich nicht viel von ihr mitbekommen, doch heute war sie der Grund für unsere Zusammenkunft. Ann-Marie gab sich alle Mühe, gelangweilt auszusehen, was ihr nicht so ganz gelang. Amanda und Estelle saßen ebenfalls, nur Lydia trabte durch das Zimmer und riss theatralisch die Hände über den Kopf.

„Hast du denn völlig den Verstand verloren, Ann-Marie? Hast du hier nicht alles, was du brauchst? Ja, mehr als das – alles, was du dir nur wünschen könntest? Wieso tust du uns das an?“

Ich nippte an meinem Tee und wartete auf eine Reaktion. Ann-Marie begann hektisch, ihren Kaugummi mit den Zähnen zu bearbeiten, dann tastete sie ihr Haar ab, um zu sehen, ob die Frisur noch saß. Alle schwarzen Zöpfe waren noch da, wo sie sein sollten. „Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst, Tante Lydia. Du hast mir doch wochenlang in den Ohren gelegen, ich solle endlich herausfinden, was ich will, und mein Leben beginnen.“

„Aber doch nicht so!“

Estelle grinste hinter Lydias Rücken, doch Amanda blickte ganz ernst und auch ein bisschen traurig, regelrecht erschüttert. „Wir wollen dich nicht verlieren“, ergänzte sie bedrückt.

Ann-Marie schnaubte. „Mich verlieren? Wieso das denn?“

„Du willst England verlassen – dein Heimatland, das Vereinigte Königreich.“

Estelle lachte laut auf. „Schalt mal einen Gang runter, Mandy. Bei dir klingt es, als würde sie den Planeten verlassen wollen.“

Amanda zog eine beleidigte Grimasse. Lydia stemmte die Hände in die Taille. „Gartenbau? Wie kommst du nur auf diese Schnapsidee?“

Ann-Marie zog die Schultern hoch. „Weiß nicht. Ich mag Pflanzen.“

„Das reicht doch nicht. Du hast überhaupt keine Ahnung vom Gärtnern.“

„Hab ich wohl. Wir haben zuhause einen riesigen Garten.“

„Und wie oft hast du da mitgeholfen? Etwas Eigenes gemacht, ein Beet angelegt, Gemüse angebaut, Bäume gesetzt oder nachts Schnecken abgesammelt? Na?“

Die arme Ann-Marie rutschte auf ihrem Sessel ein Stück weiter nach unten. „Nicht so oft. Aber trotzdem, das ist das Richtige für mich. Das weiß ich einfach.“

Lydia verlegte sich jetzt aufs mitleidige Kopfschütteln und setzte einen leidenden Blick auf. „Ich sage ja nichts, wenn du diesen Weg ausprobieren willst. In England gibt es wahrlich genügend Gärtner und Gartenbaubetriebe, wo du reinschnuppern könntest. Aber Frankreich? FRANKREICH? Europa??? Wieso denn nur, Kind?  Weshalb sollte jemand Gartenbau in Frankreich studieren, wenn er im Land der Gärtner schlechthin lernen kann?!“

Ann-Marie überlegte, was sie darauf sagen sollte. „Ich mag französisches Essen“, brachte sie schließlich vor. Lydia rang verzweifelt nach Atem.

„Denk dran, dass sie dich vielleicht nicht mehr ins Land lassen, wenn du die Insel erst verlassen hast“, spottete Estelle. Mandy sah aus, als würde sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalten.

Jetzt wurde es Ann-Marie zu bunt. Sie sprang mit einem gewaltigen Satz aus dem Sessel, der nicht nur mich überraschte, und baute sich vor Lydia auf. „Ich will einfach mal etwas anderes sehen, ein anderes Land, eine andere Kultur. Birmingham ist ganz nett, wenn man vom Dorf kommt, so wie ich, aber es ist immer noch England und fast wie zuhause. Ich will mehr vom Leben, mehr von mir, wenn du so willst. Warum Frankreich und warum Gartenbau? Weil beide eine unwahrscheinliche Wahl sind, deshalb. Und ich brauche keine Erlaubnis, es ist bereits alles in die Wege geleitet. In drei Wochen verlasse ich England und beginne ein neues Leben auf dem Kontinent.“

Lydia stieß ein ersticktes Schluchzen aus und plumpste auf das Sofa, das unter ihrem Gewicht ein leises Ächzen ausstieß. Estelle biss herzhaft in ein Stück Ingwerkuchen und ich nahm mir ein Shortbread. Ich hatte es mir gerade komplett in den Mund gesteckt und kaute auf den trockenen Krümeln herum, als Mandy sich an mich wandte.

„Penelope, was sagst du denn dazu? Ich meine, immerhin kommst du doch von dort. Können wir Ann-Marie ganz allein ins Ausland ziehen lassen?“

Zweifellos wurde mein Gesicht rosa, denn ich spürte eine verräterische Hitze auf den Wangen. Ich hob die Hand zum Zeichen, dass ich gleich antworten wollte, und kaute schneller. Mit dem Rest von meinem Tee spülte ich schließlich alles hinunter und holte Luft.

„Also, ich komme aus Deutschland und kenne mich in Frankreich gar nicht aus…“ Ich stockte, denn diverse Blicke brachten mich aus dem Konzept. Mandy schien verärgert, weil ich sie korrigierte; Estelle wirkte uninteressiert, als ob es zwischen Frankreich und Deutschland doch nicht wirklich viele Unterschiede gäbe; Lydia harrte gebannt auf eine schreckliche Enthüllung, die ihre Ängste bestätigte, und Ann-Marie … Ann-Marie schloss einfach die Augen und erwartete blass und schicksalsergeben die nächste kalte Dusche. „Frankreich ist aber ganz wunderbar, nach allem, was ich weiß. Wahnsinnig viel Kultur und tausend Käsesorten, herrliche Landschaft, schönes, warmes Wetter, und überall Lavendel, ganz entzückend. Dazu das blaue Meer, die Côte d’Azur, die Strände… Ach ja, und natürlich die weißen Pferde der Camargue.“

Ann-Marie sah mich ungläubig an, während ich mich fragte, ob ich etwas vergessen hatte. „Fürs Essen ist Frankreich ja ohnehin berühmt“, fügte ich hinzu.

„Aber der Brexit!“, jammerte Lydia.

„Bis dahin dauert es noch“, beruhigte ich sie. „Und außerdem, vielleicht kommt es ja doch nicht dazu.“

„Aber Gartenbau? Das sind Hirngespinste. Ann-Marie, das musst du zugeben.“

„Warte mal, Mom“, mischte sich Estelle ein. Sie leckte sich die Krümel von den Fingerspitzen. „Ann-Marie könnte sich und uns beweisen, wie ernst es ihr damit ist. Ihr kennt doch unseren Garten, oder? Dieses verwilderte Stück Land hinter dem Haus, das wir schon seit Jahren auf Vordermann bringen wollen? Es steht dir zur Verfügung, Ann-Marie. Du kannst damit machen, was du willst. Und du hast noch drei Wochen Zeit. Was meinst du dazu?“

Ihre Cousine riss erschrocken die Augenbrauen in die Höhe. „Drei Wochen?“, keuchte sie. „Das ist nicht zu schaffen.“

„Ach, sei nicht so pessimistisch. In drei Wochen kann man einiges bewerkstelligen. Und niemand erwartet, dass du einen fertigen Park hinterlässt. Es ist nur ein Übungsprojekt, eine Wildnis, an der du dich ausprobieren kannst. Vielleicht findest du es großartig, oder vielleicht hasst du es. So oder so kannst du am Ende deine Entscheidung besser beurteilen.“

Estelles Argumente waren so gut, dass Ann-Marie keinen Grund finden konnte, nicht auf ihren Vorschlag einzugehen. Also sagte sie zögernd ja und schien sich dabei total überfordert zu fühlen. Ich fühlte mit ihr. Ein verwilderter großer Garten – und der von Estelle und ihrem Mann hatte enorme Ausmaße – würde auch mich einschüchtern. Ich schlug vor, dass wir ihr helfen sollten. Ann-Marie hätte immer noch die Entscheidungsgewalt und Planungshoheit, wir würden ihr lediglich unterstützend zur Seite stehen. Lydia, Estelle und Amanda sahen mich verdutzt an. Am Ende war ich die einzige Hilfe, die Ann-Marie in den nächsten drei Wochen bekommen würde – Penelope, die Frau mit den braunen Daumen.

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