Penelopes siebter Fall – Teil 1

Lautes Babygeschrei drang schmerzhaft an mein Ohr. Aus dem Geschrei wurde ein Wutgebrüll, ein doppeltes, denn es waren Zwillinge. Kleine, schreiende Biester, die niemals Luft holen mussten und ihre Sirenen unendlich lange erklingen lassen konnten. Und es auch taten. Frustriert hielt ich das Telefon ein Stück von mir weg. Glücklicherweise waren es Sabines Kinder, nicht meine. Wenn ich mir vorstellte, dass es meine wären, bekam ich Herzrasen.

„Was hast du gesagt?“, rief Sabine auf ihrer Seite. Ich seufzte, was sie gar nicht hören könnte.

„Wir sprechen uns ein anderes Mal“, brüllte ich und drückte sie weg. Ich hatte gehofft, Sabine würde zu mir kommen und mir beim Auspacken helfen, aber die Umstände sprachen eindeutig dagegen. Ich ließ mich auf den Boden sinken und sah mich um – jede Menge Kisten und Tüten, sogar ein Koffer stand immer noch ungeöffnet im Wohnzimmer.

Vor zwei Wochen waren Peter und ich aus England zurückgekommen. Eigentlich genügend Zeit, um alles zu leeren und wegzuräumen, doch ich tat mir schwer mit dieser Aufgabe. Peter arbeitete schon wieder viel zu viel, was auch der Grund war, weshalb wir früher als geplant ziemlich überstürzt aus Birmingham abgereist waren. Seine Dienststelle hatte seine sofortige Rückkehr verlangt; einige ausgefallene Kollegen und sich häufende Kriminalfälle erforderten seinen Einsatz. Kaum trafen wir in Schönberg ein, kamen schon meine Eltern zu Besuch und blieben fünf Tage. Alles an Gepäck und Hausrat, was nicht gleich benötigt wurde, verstauten wir vorläufig im Keller und in dem Schuppen neben dem Haus, der sich protzig Garage nannte, und nun, da wir wieder allein waren, hatten wir das Zeug ins Wohnzimmer gestellt, weil ich mich darum kümmern wollte. Aber ich kam kaum voran.

Die Umstellungen machten mir zu schaffen. Nach fast zwei Jahren fühlte ich mich merkwürdig fremd und trotzdem zuhause. Meine Freunde hatten ihre Leben weitergeführt; ich musste erst wieder den Anschluss finden. Ich hatte keine Arbeit mehr, denn meine früheren Auftraggeber hatten sich natürlich anderweitig versorgt. Am schlimmsten empfand ich jedoch die Veränderungen in unserer kleinen Familie. Wir waren mit zwei Kameraden weniger zurückgekehrt und das Haus kam mir wahnsinnig einsam und leer vor, obwohl es vollgestopft schien.

Gandhi war noch in England, und ich fühlte mich keinen Deut besser durch das Wissen, dass es meine eigene Entscheidung gewesen war, ihn dort zurückzulassen. In unserer Nachbarschaft in Birmingham hatte ein junges Ehepaar gelebt, dessen kleiner Junge im Rollstuhl saß und auf ständige Betreuung angewiesen war – Will. Will liebte Gandhi vom ersten Augenblick an und Gandhi liebte Will. Es stellte sich heraus, dass Gandhi mit der richtigen Ausbildung einen äußerst begabten Begleithund für Will abgeben würde, einen, wie man ihn unter tausend begabten Hunden nur einmal findet. Nach vielen Gebeten, Unterhaltungen mit Peter und tränenreichen Nächten überließ ich Will meinen geliebten Bretonen.

Ich versuchte mich in der ersten Zeit damit zu trösten, dass ich noch Moira hatte, doch Moira wurde bald darauf krank und musste eingeschläfert werden. Sie war natürlich schon alt gewesen, aber immer gesund und ich hatte gehofft, sie hätte noch einige Jahre vor sich. So war ich mit all meiner Trauer nach Schönberg zurückgekehrt, um mich in einer Art Niemandsland wiederzufinden.

Frau Gerberich – Gisela – war fort. Bei meinem letzten Besuch hatte sie mich wahnsinnig erschreckt, als sie mir verkündete, ich wäre vermutlich schwanger. Sie hatte sich allerdings geirrt, sehr zum Bedauern meiner Eltern, die es sich während ihres Besuches in der vergangenen Woche nicht verkneifen konnten, Andeutungen bezüglich entzückender baldiger Enkel fallen zu lassen. Sogar Peter hatte irgendwann genervt ausgesehen und das passierte ihm wirklich nicht oft. Sabine hatte vor vier Monaten Zwillinge auf die Welt gebracht und war mit ihren Mutterpflichten mehr als ausgelastet. Meine Cousine Susanne hatte unglaublicherweise vor einem halben Jahr Markus Liebich geheiratet. Wir waren zwar zur Hochzeit eingeladen, konnten aber nicht teilnehmen. Meine Eltern waren dafür dabei, denn die Hochzeit fand in unserer Heimat statt, wo Susannes und meine Familie lebte.

In unserer Kirchengemeinde kam ich mir noch fremder vor. Waldo, unser früherer Pastor, hatte sich frühzeitig berenten lassen und war mit seiner Frau einem Ruf zu einer missionarischen Tätigkeit auf die Philippinen gefolgt. Momentan gab es keinen neuen Pastor, sondern ein Leitungsteam, was absolut gewollt war. Die Veränderungen, die vor unserer Abreise nach England angefangen hatten, waren mehr oder weniger abgeschlossen und es gab viele neue Leute in der Gemeinde; einige der alten waren weg und mein früherer Hauskreis existierte nicht mehr.

Ich saß immer noch auf dem Boden und starrte trübsinnig vor mich hin. Wenn wenigstens Peter hier gewesen wäre, um meine Einsamkeit zu mildern.

Ein Klopfen an der Haustür schreckte mich auf. Seltsam, dass derjenige nicht die Klingel benutzte … Ich rappelte mich hoch und ging nachsehen, wer zu Besuch kam. Vor mir stand eine lächelnde Frau mit sehr langem, braunem Haar; einige Jahre älter als ich und in ein knöchellanges, ärmelloses Kleid gewandet, das sackartig an ihr hing, sie aber merkwürdig gut aussehen ließ. Vielleicht lag es an dem Ultramarinblau, das ihre blauen Augen zum Leuchten brachte. Ihre Füße steckten in ausgewaschenen Leinenschuhen mit Bastsohle. Ich wusste sofort, wer sie war – Cosima, meine neue Nachbarin. Sie und ihr Mann oder Freund Jean hatten Giselas Haus gekauft; wir hatten sie zusammen besucht, als ich vor eineinhalb Jahren für eine Stippvisite in Schönberg war.

„Bist du fertig?“

Ich sah sie verblüfft an. „Fertig? Wofür?“

„Ich nehm dich mit zur Probe.“

Sie sagte es mit solcher Überzeugung, dass ich sofort begann, in meinem Gedächtnis zu kramen, ob wir uns verabredet hatten. Doch nein, das war unmöglich, denn ich war ihr seit unserer Ankunft noch nicht begegnet und hatte auch nicht mit ihr geredet. „Von welcher Probe sprichst du?“

„Vom Chor natürlich.“ Sie lachte mich an. „Komm, wir müssen los, sonst kommen wir zu spät und das sieht die Chorleiterin nicht gern.“

Eigentlich freute ich mich über die Unterbrechung meiner Schwermut und schlüpfte schnell in eine leichte Jacke und meine Schuhe, nahm meine Tasche und schloss die Haustür ab. Ich hatte keine Ahnung, was los war, aber ich war bereit für ein Abenteuer. Ich stieg in Cosimas alten VW-Bus, den auf allen Seiten handgemalte Bilder zierten, und hoffte, sie würde mir eine Erklärung geben.

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